In unserer heutigen Gesellschaft verteidigen die meisten Menschen nahezu reflexartig unsere demokratischen Systeme. Für sie ist die staatliche Ordnung der Preis für unsere sogenannte Zivilisation: Nach Jahrtausenden vermeintlicher Barbarei und Chaos sollen etablierte Machtstrukturen und Gesetze den „wilden Menschen“ gezähmt und eine geordnete Gesellschaft ermöglicht haben.
Im westlich-modernen Zivilisationsmythos gelten indigene Gemeinschaften deshalb oft als „primitiv“ oder „rückständig“, weil sie ohne zentrale Gewaltmonopole, starre Hierarchien oder Institutionen auskommen. In solchen Gesellschaften werden Konflikte häufig durch soziale und gemeinschaftliche Mechanismen geregelt – was dem modernen Verständnis von Ordnung und Kontrolle widerspricht.
Stellt man jedoch eine zivilisierte Gesellschaft in den logischen Kontext von Wahrheit und Frieden, müsste sie vor allem eines leisten: Gewalt minimieren, Konflikte friedlich regeln, Bedürfnisse gerecht erfüllen und Wissen frei weitergeben.
Gewalt
Ein Blick auf die letzten 200 Jahre zeigt jedoch eine andere Realität: Zwischenstaatliche Kriege und Bürgerkriege – von den Napoleonischen Kriegen über die Weltkriege bis zu Vietnam und den Konflikten im Nahen Osten – haben schätzungsweise 150–200 Millionen Menschenleben gekostet. Hinzu kommen staatlich organisierte Massenmorde, Genozide und Hungersnöte unter Diktatoren wie Stalin, Mao, Pol Pot oder durch koloniale Unterdrückung, die weitere 100–120 Millionen Opfer forderten. Selbst bei konservativer Schätzung liegt die Gesamtzahl staatlich verursachter Tötungen im Bereich von 200 bis 400 Millionen.
Damit ist die staatliche Ordnung – unabhängig davon, ob sie sich kommunistisch, faschistisch, monarchisch oder demokratisch nennt – der historisch tödlichste Akteur der jüngeren Menschheitsgeschichte.
Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Rudolph J. Rummel prägte hierfür den Begriff „Demozid“ (Death by Government, 1994). Damit wollte Rummel einen Sammelbegriff, für die vorsätzliche Tötung von Menschen durch eine Regierung, einschließlich Genozid, politischer Morde, staatlich verursachter Hungersnöte, Hinrichtungen und Kriegsverbrechen schaffen.
In den letzten Jahrhunderten hat der Staat nahezu exklusiv das (fälschlicherweise als legitim betrachtete) Recht auf Töten beansprucht. Das Gewaltmonopol löste religiöse Autoritäten, patriarchale Strukturen und Adelsherrschaft ab – ohne deren symbolische Logik zu verändern. Statt Gott erhebt sich nun der Staat zur höchsten Instanz. Statt patriarchaler Kontrolle regiert bürokratische Kontrolle. Der Staat präsentiert sich als neutrale Institution, agiert aber als symbolisch aufgeladener Machtorganismus mit eingebautem Selbstrechtfertigungsmechanismus. Der moderne Staat hat die legitimatorische Rolle von Religion und Patriarchat übernommen, ohne ihre Grundstruktur zu verändern: Er ist die neue „transzendente“ Instanz, der man Opfer bringt und unter deren Banner getötet werden darf.
Die Idee des legitimen Tötens ist kein objektives moralisches Prinzip, sondern ein narratives Konstrukt zur Absicherung von Macht. Keine staatliche Autorität besitzt dieses Gewaltmonopol von Natur aus. Tatsächlich besitzt kein Mensch das natürliche Recht einen anderen Menschen zu töten und kann deshalb dieses Recht auch keiner dritten Partei verleihen. Staatlichkeit bedeutet daher nicht Gerechtigkeit oder Moral, sondern die Durchsetzung einer künstlich geschaffenen Ordnung durch institutionalisierte Gewalt.
Gerade die systematische Dimension dieser Gewalt wäre in einer Gesellschaft ohne zentrale Autorität – also ohne Staat, Religion oder Patriarchat – nicht umsetzbar. In einer Gesellschaft, die ihr gesellschaftliches Zusammenleben nicht einer künstlich geschaffenen höheren Autorität unterordnet, sei es eine Regierung, ein Gott oder das Patriarchat, könnte man niemals das systematische Töten anderer Menschen legitimieren und rechtfertigen. Zwar gäbe es auch in einer herrschaftsfreien Gesellschaft Gewalt und Totschlag, jedoch wären diese weder systematisch organisiert noch moralisch sanktioniert. Kein Mensch würde zusehen, wie ein anderer ihm Handschellen anlegt, nur weil er sich moralisch dazu berufen fühlt. Genauso würde man seinem Mitmenschen helfen, wenn eine dritte Partei ihn angreift, weil man sonst Gefahr läuft, der nächste zu sein, und weil man in keiner gewalttolerierenden Gesellschaft leben möchte.
In der Realität hingegen wird das staatliche Gewaltmonopol durch Erziehung, Medien und Rechtsprechung selbst reproduziert – ohne externe, unabhängige Kontrolle. So wird es als legitim empfunden, Länder zu bombardieren, Menschen zu inhaftieren oder Protestierende niederzuschießen.
Es ist nicht der entfesselte Mensch, der am meisten tötet – es ist der Mensch im Dienste einer externen Autorität. Die größte Gefahr geht nicht vom Gesetzlosen aus, sondern vom Gesetzgeber, der sich moralisch legitimiert sieht.
Institutionen (staatlich oder religiös), die sich selbst als Quelle moralischer Wahrheit begreifen, werden immer eine Tendenz zur Eliminierung abweichender Realität aufweisen – oftmals mit tödlichen Folgen.
Nicht Chaos, sondern Ordnung tötet.
Nicht Individualismus, sondern kollektive Autorität ist die Hauptquelle tödlicher Gewalt.
Wissen
So wie Gewalt in unserer Gesellschaft instrumentalisiert wird, so wird Wissen als Ware gehandelt.
Um Ivan Illich zu zitieren:
„In der Schule behält der Lehrer sein Wissen für sich, soweit es nicht in den täglichen Stundenplan passt. Die Medien informieren uns, aber sie unterschlagen jene Dinge, die sie nicht als druckreif erachten. Die Informationen werden in Spezialsprachen verschlüsselt und spezialisierte Lehrer leben davon, diese zurückzuübersetzen. Verbände sitzen auf geschützten Patenten, Bürokratien hüten ihre Geheimnisse und Berufsvereinigungen, Institutionen und Nationen wahren eifersüchtig ihre Macht, andere von privaten Reservaten fernzuhalten seien es Cockpits, Anwaltskanzleien, Müllhalden oder Kliniken.“
[Ivan Illich, Wider der Verschulung]
In unserer heutigen Gesellschaft ist Wissen zur strategischen Ressource geworden. Patente auf Medikamente, Software oder Saatgut sichern nicht nur wirtschaftliche Macht, sondern ermöglichen die ethische Kontrolle ganzer Gesellschaften. Statt Bibliotheken als offene Wissensspeicher dominieren verschlossene Archive, Paywalls und juristische Schranken. Eine solche Gesellschaft beschränkt absichtlich Wissen und handelt gegen ihre eigene Natur. Sie produziert Fortschritt ohne Teilhabe, Wahrheit ohne Zugang, Erkenntnis ohne Gerechtigkeit.
Tatsächlich ist Wissen ein nicht-rivalisierendes Gut: Wer es teilt, verliert nichts – im Gegenteil, es wächst durch Weitergabe. Eigentum basiert hingegen auf Ausschluss. Überträgt man diese Logik auf Wissen, schafft man einen systemischen Widerspruch: Was allen dienen könnte, wird künstlich verknappt, um es zu verwerten. Das Patentsystem institutionalisiert diesen Widerspruch – es rechtfertigt sich selbst mit dem Argument, Innovation zu fördern, indem es Erkenntnis schützt. In Wahrheit behindert es deren freie Entfaltung.
Was ist zivilisiert?
Eine zivilisierte Gesellschaft funktioniert nach objektiven moralischen Prinzipien. Töten im Namen einer „höheren Autorität“ – ob Staat, Gott, Patriarchat oder Matriarchat – wäre in einer solchen Ordnung unmöglich zu legitimieren. Ebenso wäre Wissen kein Handelsgut, sondern würde als universelles Gut verstanden werden, was nur durch Weitergabe wächst.
In einer solchen Gesellschaft müsste die Weitergabe von Wissen ein Grundpfeiler gesellschaftlicher Organisation sein. Denn Wahrheit, verstanden als das Resultat logisch konsistenter Erkenntnis, ist kein Eigentum – sie ist universell. Wenn Zivilisation ein Ausdruck kultureller Reife und moralischer Entwicklung ist, dann misst sie sich nicht an der Höhe ihrer Mauern, sondern an der Offenheit ihrer Archive.
Nur eine Gesellschaft, die sich der externen Kontrolle einer künstlich erschaffenen Autorität lossagt, nach den Prinzipien einer objektiven Moral lebt und Wissen als gemeinsames Gut versteht, ist wahrlich zivilisiert und würde folglich nach dem Naturgesetz leben.



